Dr. Edith Eva Eger

Am 27. April 2026 verstarb Dr. Edith Eva Eger, eine Überlebende des KZ Gunskirchen, im 99. Lebensjahr.

Ein Nachruf von Angelika Schlackl.

 Ron Small, I Danced for The Angel of Death. The Dr. Edtih Eva Eger Story 

© Holocaust Education Film Foundation 2021. 


Als Gedenkinitiative Gunskirchen–Edt trauern wir um Dr. Edith Eva Eger und möchten ihrer Familie aus ganzem Herzen unsere tiefe Anteilnahme zum Ausdruck bringen. 

Dr. Eger verstarb am 27. April 2026 in San Diego in Kalifornien. Sie war eine großartige Frau, die sich als äußerst beliebte und viel bewunderte amerikanische Psychologin auf die Therapie von posttraumatischen Belastungsstörungen spezialisiert hatte. 
Für die Gedenkinitiative Gunskirchen-Edt ist die Dokumentation ihrer Geschichte der Verfolgung in den Jahren 1944 bis 1945, als sie den Verlust geliebter Menschen, mehrere Deportationen und Todesmärsche, die Lager Auschwitz, Mauthausen und das jüdische Todeslager Gunskirchen erleben musste, von großer Bedeutung. Dabei war sie immer wieder dem Tod nahe. Mit Dr. Edith Eva Eger verlieren wir eine bedeutende Frauenstimme unter den Holocaustüberlebenden, die neben Primo Levi und Viktor Frankl viele Jahre eine wichtige Botschaft für die Menschheit hatte. Ihre Erzählungen über ihre eigene Vergangenheit, wie auch ihre Ratschläge bei der Behandlung von traumatisierten Menschen trugen keine Spuren von Hass. Immer wieder sprach sie darüber, wie Hass gegenüber Peinigern, Verfolgern und Mördern überwunden werden kann. 

Edith Eva Eger wurde am 29. September 1927 in der slowakischen Stadt Košice, die 1939 von Ungarn annektiert wurde, als dritte Tochter von Lajos und Ilona Elefánt geboren. Ihre Eltern waren ungarische Juden, der Vater von Beruf Schneider, die Mutter arbeitete in einem ungarischen Ministerium. Ihre beiden Schwestern Clara und Magda waren besonders talentierte Musikerinnen. Magda, die älteste der drei, spielte Klavier, Clara Violine. Clara erhielt als einzige Jüdin im Budapester Konservatorium einen Studienplatz, was während des Holocausts ihr Leben rettete, weil sie dort von einem christlichen Lehrer versteckt wurde.

Auch Edith Evas Talente waren musischer Natur. Sie war Ballerina und rhythmische Gymnastin. Sie tanzte in der jüdischen Gemeinde von Budapest nach Musik von Tchaikovsky und wurde auch für den Bewerb der rhythmischen Gymnastik bei der Olympiade trainiert. Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung wurde ihre Teilnahme aber abgelehnt. Von den drei Schwestern war Edith Eva die klügste. Sie lernte Latein, Griechisch und begann sich früh für Psychologie zu interessieren. Schon als Teenager las sie Freuds Traumdeutung. 

Als die Deutschen Ungarn besetzten, wurde der Vater zur Zwangsarbeit eingezogen. Die Mutter musste mit Edith und Magda ins Ghetto umziehen. Als der Vater einmal kurz nach Hause kam, wurden alle vier abgeholt, in einen Viehwaggon gepfercht und im Mai 1944 nach Auschwitz deportiert. Auf diesem Transport sah Edith ihren Vater zum letzten Mal. Die drei Frauen standen in Auschwitz zur Selektion in einer Reihe; am Ende ein Mann, der mit seinen Fingern nach links oder nach rechts deutete. Als die Mutter nach links musste, wollte ihr Edith Eva folgen, doch der Mann packte sie mit den Worten: „Du wirst deine Mutter sehr bald sehen. Sie geht nur duschen!“ Der Blick in die Augen dieses Mannes blieb Edith unvergessen. Bei der nächsten Selektion riss ihr eine Aufseherin ihre goldenen Ohrringe heraus, sodass sie blutete. Edith Eva fragte sie trotzdem, wann sie ihre Mutter wieder sehen würde. Sie aber zeigte auf den Schornstein, aus dem hohe Flammen schlugen und sagte: „Deine Eltern verbrennen dort gerade!“ 
Als Edith Eva in eine Baracke eingewiesen wurden, tauchte der selbe Typ wieder auf, der ihre Mutter in die Gaskammer geschickt hatte. Er wollte wissen, wer unter den Anwesenden begabt sei. Jemand schob Edith Eva in die Mitte, und so musste sie tanzen, worauf ihr der Mann ein Stück Brot gab. – Es war Dr. Mengele.

Edith Eva und ihre Schwester Magda konnten in Auschwitz zusammenbleiben. Sie hungerten, mussten stundenlang Appell stehen und hart arbeiten. Im Dezember 1944 wurden sie mit 2.000 jungen Frauen und Mädchen zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt. Ihr Zug wurde von der SS als Waffenverschiebetransport verwendet. Die SS setzte die Mädchen als lebende Schutzschilde vor Bomben der Alliierten auf das Dach des Zuges. Die Bomben trafen den Zug dennoch und zahlreiche Mädchen wurden getötet. Magda und Edith Eva überlebten.

Anfang April 1945 führte sie ein Fußmarsch von einer Waffenfabrik in Deutschland nahe der tschechischen Grenze ins Konzentrationslager Mauthausen. Die völlig erschöpften Frauen und Mädchen mussten eine Nacht unter freiem Himmel im Steinbruch auf den Stufen der Todesstiege lagern; am nächsten Morgen ging es sofort weiter nach Gunskirchen. Das war der schwerste Marsch, erzählte Edith Eva Eger, denn nun hatte die einmal gut trainierte Gymnastin und Ballerina keine Kräfte mehr. Um nicht zurückzubleiben wurde sie abwechselnd von anderen Mädchen, die sich selbst kaum schleppen konnten, getragen. Die Ankunft kommentierte sie mit folgenden Worten: „Es gibt immer eine noch schlimmere Hölle. Das ist unsere Belohnung dafür, dass wir leben. Als wir zu marschieren aufhören, sind wir im Lager Gunskirchen. Es ist ein Außenlager von Mauthausen, ein paar Holzgebäude in einem sumpfigen Wald in der Nähe eines Dorfes. Ein für ein paar Hundert Zwangsarbeiter erbautes Lager, in dem jetzt achttausend Menschen zusammengepfercht sind. Es ist kein Vernichtungslager. Hier gibt es keine Gaskammern, keine Krematorien. Aber es besteht kein Zweifel, dass wir zum Sterben hierhergeschickt worden sind.“ (1)  Sie schilderte unvorstellbare Zustände im Lager Gunskirchen: „Ich spüre nur, dass meine Reserven jetzt aufgebraucht sind. Ich liege draußen in der schweren Luft, mein Körper ist mit fremden Körpern verflochten, wir liegen alle auf einem Haufen, manche sind tot, manche schon lange, manche gerade noch am Leben.“ (2) Im letzten Moment wurde sie von einem US-Soldaten der 71. Infanterie Division aus dem Schlamm gezogen. Gemeinsam mit ihrer Schwester Magda wurde sie in einem Privathaus in Wels gepflegt, bis sie in ihre Heimatstadt Košice zurückkehren konnten. 

Edith Eva gründete mit Béla Eger eine Familie, emigrierte in die USA. Sie studierte Psychologie und arbeitete viele Jahre als Therapeutin. Durch Vorträge und Publikationen erlangte sie internationales Ansehen. 
Viele Österreicherinnen und Österreicher lasen in den letzten Jahren das Buch „Ich bin hier, und alles ist jetzt“, die deutsche Fassung ihres Buches „The Choice. Embrace the Possible“. Es war im deutschsprachigen Raum zum Bestseller geworden. So manche/r wurde durch die Lebensgeschichte von Edith Eva Eger erstmals auch auf das schreckliche Lager Gunskirchen aufmerksam.

(1) Edith Eva Eger, Ich bin hier, und alles ist jetzt. München 2017. S 123.

(2) Ebd., S. 124